ADC 2010: Handwerkliche Tugenden in Fotografie und Illustration Mehr Handwerk! lautete die Devise für die Jurierungen des 46. ADC Festivals, die kreativen Macher hinter den Kampagnen sollten wieder mehr zur Geltung kommen. Entsprechend hat sich Red Box bei den beiden Juryvorsitzenden Patrick They und Florian Geiss erkundigt, was in diesem Jahr in den Kategorien Illustration und Fotografie zu sehen war.
In der Kategorie 22 – Fotografie – vergab die Jury um den Hamburger Fotografen Florian Geiss jeweils einen bronzenen und silbernen Nagel sowie vier Auszeichnungen. "Das Niveau war in diesem Jahr besser als 2009", so Geiss, "und doch hat es für Gold nicht gereicht. Einer der Juroren – selbst kein Fotograf – erklärte, Fotografen seien sehr kritisch mit sich selbst. Vielleicht sind wir Fotografen zu streng mit uns?" Die beiden Nägel gingen an zwei Editorial-Strecken. Nadav Kander erhielt für seine Porträtserie der Mitarbeiter Barack Obamas Silber (Obamas Leute, veröffentlicht im Stern), Marco Vernaschi für die Dokumentation des Drogenkriegs in Guinea-Bissau Bronze (Das verblutende Land, Süddeutsche Zeitung Magazin). Beide Arbeiten seien hervorragend, so Geiss, würden aber, wie für eine Gold-Bewertung nötig, keine neue Definition der Fotografie prägen. Kanders Porträts der Obama-Mitarbeiter bestechen vor allem durch die ungewöhnliche Umsetzung, die Komposition, Farbigkeit, und handwerkliche Machart, so Geiss. Es seien zwar klassische Porträts, aber eben keine Politikerporträts, wie man sie sonst zu sehen bekomme. "Sie kanalisieren das, was Fotografie heute ausmachen kann: Sie sind authentisch und rau", wertet Geiss, der zum zweiten Mal als Juror dabei war. Die Bilder, die Marco Vernaschi in Guinea-Bissau aufnahm, zeigen die Brutalität dieses von der Drogenmafia beherrschten afrikanischen Staates, ohne dabei Effekthascherei zu betreiben, erklärte der Juryvorsitzende. Auch die Komposition der Bilder sei bemerkenswert.
Kategorie 23 – Illustration – präsentierte den Festival-Besuchern drei bronzene Nägel und neun Auszeichnungen. Die Gewinnerarbeiten decken eine große Bandbreite ab, so erinnern die Kampagnenbilder von Remus Grecu für die ANAD Organisation an Ölgemälde (Agentur: Ogilvy), während das Programmheft Nachtasyl von Strichpunkt (Kirsten Dietz und Julia Ochsenhirt) für das Staatstheater Stuttgart mit Collagen arbeitet und die Zeichnungen des Duos Drushba Pankow im Buch "The Soul of Motown" von EMI teilweise an Comics erinnern. "Alle Arbeiten sind handwerklich brillant", urteilt Juryvorsitzender They, der seit 2001 als Juror dabei ist. "Doch die eine, herausstechende Illustration gab es nicht. Aber wir sollten bedenken: Schon für Bronze lautet die Definition, dass die Werke Maßstäbe setzen sollen." Auch die Jury für Illustration konstatiert ein durchweg hohes Niveau der Einreichungen, zudem sei die Zahl um ein Drittel gestiegen. Die Krise hat sich also nicht durchgesetzt, wie so viele vorab vermutet hatten. "Wir hätten uns allerdings deutlich mehr Editorials gewünscht", so They. Das Besondere der drei Siegerarbeiten: ANAD überzeuge mit emotionaler Wucht, EMI-Motown zeige eine durchgehend hohe Qualität, und das Programmheft sei zwar eine ruhige, aber sehr intensive Arbeit, so They.
Ein wenig ins Grübeln kommen beide Juryvorsitzende, wenn man sie nach dem Stellenwert des Wettbewerbs für die Kreativen fragt. Bedeutend sei der Gewinn sicherlich für Werbefotografen und jene Illustratoren, die vornehmlich für Werbung zeichnen. Da letztere allerdings womöglich für eine Einreichung mehr zahlen müssen, als sie für die Arbeit überhaupt erhalten, reichen Illustratoren selbst nur selten ein und überlassen das den Agenturen. Bei den Bildjournalisten gibt es im Gegenzug einige andere Preise, die weitaus renommierter sind als der ADC.
Wie lauten die Fazits der Juryvorsitzenden? "Ich habe das Gefühl, dass es einen Trend hin zu mehr handwerklichen Tugenden gibt", stellt Patrick They fest. "Und Illustratoren sollten sich trauen, einzureichen. Unsere Jury hat sich wirklich um jede einzelne Arbeit bemüht und sogar schlecht platzierten Shortlists eine Chance gegeben." Florian Geiss stellt eine strukturelle Frage: "Wir haben innerhalb der Jury diskutiert, ob es sinnvoll ist, Editorial-Fotografie mit Werbefotografie gleichzeitig zu bewerten. Natürlich sind Reportagen aus Krisengebieten emotional berührender als Kampagnenbilder. Aber damit werden wir ja den oft sehr guten Commercial-Fotografien nicht gerecht. Eventuell ist also zu überlegen, ob man die Bewertung trennt."
Unter den ausgezeichneten Fotografien waren auch Bilder einer Kampagne von Spuk Pictures, einer Bildagentur mit Sitz in Birmingham respektive Düsseldorf. Die Bilder stammen von Matt Barnes und zeigen Fotografien-Ikonen aus einem anderen Blickwinkel, also etwa Marilyn Monroe über dem Luftschacht nicht von der Seite, sondern von unten.
Die komplette Gewinnerliste des ADC Wettbewerbs 2010 gibt es hier zum Angucken. Und außerdem lesen Sie hier, wer das ADC-Agenturranking anführt.
www.adc.de
Illustration oben links: "The Soul of Motown" von Drushba Pankow; Illustration oben rechts: ANAD "Schönheitsideale gestern/heute" von Remus Grecu


ANAD Kampagen



Staatstheater Stuttgart - Strichpunkt (Dietz/Ochsenhirt)





EMI/Edel - "The Soul of Motown" - Drushba Pankow
(mak) • 18.05.2010 |