Manche Belegexemplare müsste der Hamburger Illustrator Nils Oskamp eigentlich in einen Safe stecken, wenn der denn gekühlt wäre. Denn sonst macht sich Sohn Tom, 7, über die Beispiele seiner Arbeit her – wie bei den Jogurts von Müller Milch. Oskamp ist Zeichner von Rudi Rentier, der bereits im vergangenen Jahr zur Weihnachtszeit die Ecke des Monats-Jogurts promotete. Die Figur – und der Jogurt – kamen so gut an, dass es in diesem Jahr nicht nur eine Neuauflage, sondern auch eine Ausweitung der Zusammenarbeit von Oskamp und Müller Milch gibt. Rudi gibt es nun als Online-Spiel, er wirbt für einen weiteren Jogurt und ein Herz für Kinder hat er auch noch. Aber der Reihe nach.
2008 war Nils Oskamp bei seinem Freund Paul Derouet zu Besuch – der ist seines Zeichens Repräsentant und betreibt die Agentur Contours. Derouet erzählte ihm von einer just eingetroffenen Anfrage der Werbeagentur Grabarz und Partner, die einen Illustrator für Müller Jogurts suchte. Oskamp meldete sich bei den Art Buyerinnen Garnet Lange und Nicola Fromm und holte sich die Pitch-Vorgaben. Gefragt waren Winterlandschaften und Tiercharaktere, von denen Oskamp bereits einige Arbeitsbeispiele hatte. Für die Schweizer Supermarktkette Migros zum Beispiel waren 2004 schon einige verschneite Motive entstanden. Oskamp gewann den Pitch und Rudi Rentier ging in Serie.
Grabarz' Kreativ-Geschäftsführer Ralf Heuel sagt zur Entscheidung pro Oskamp: "Nils war für dieses Projekt die perfekte Wahl, weil er viel Character Design, Cartoons und Comic macht und eine gute Portion Humor besitzt. Denn wir wollten keine braven Disney-Rentiere, sondern eine etwas schrägere und frechere Spezies. Seine Animations-Erfahrung war bei der Character-Entwicklung und der späteren Umsetzung in 3D sehr hilfreich."
Das Briefing für die Character-Entwicklung von Rudi kam von Daniela Kern, der Art Direktorin von Grabarz und Partner. Das Rentier sollte nicht zu kindlich gezeichnet sein, sondern auch Erwachsene ansprechen, nicht niedlich wie Disney-Figuren wirken, sondern eher etwas skurril. Zudem durfte sich die Zeichnung nicht in Details verlieren.
2008 verbrachte Oskamp gut zwei Wochen ausschließlich mit der Entwicklung der Figur. Als Inspiration dienten ihm seine Bibliothek mit Illustrations-Büchern, Comics aus Frankreich, USA und Japan sowie Trickfilme – alles natürlich mit Blick auf Tiere. Um die Bewegungsabläufe der springenden Rentiere, die im Werbespot von der berühmten Müllerschen Ecke in den Jogurt hüpfen, möglichst naturgetreu hinzubekommen, besorgte sich Oskamp die Mutter aller Geweihträger-Filme: Bambi. Dessen Macher hatten nämlich selbst sehr gutes Recherchematerial gesammelt.
Der Werbespot zu "Rudis Weihnacht" wurde später von dem Hamburger Trickfilmstudio Spans und Partner realisiert.
Zehn Entwürfe gab Nils Oskamp dann bei Daniela Kern ab. Aus den Zehn konnten sich Agentur und Kunde dann die besten Details zusammensuchen. Daniela Metzger, bei Müller Milch im Marketing für die Jogurts zuständig, sagt über den Stil von Oskamps Rentier: "Der Stil des Rentiers passt wirklich gut zum Joghurt mit der Ecke "Ecke des Monats". Rudi ist zwar süß, aber vor allem hat er diesen frechen Ausdruck, der ihn gleichzeitig cool und lässig erscheinen lässt. Wir denken, dass Rudi genau deshalb nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene begeistern kann."
Oskamp zeichnet den Großteil seiner Illustrationen mit dem Stift, erst die Colorierung erfolgt dann am Computer. Da seine Rentier-Zeichnungen auf eine Verpackung kommen und dort mit dem Kleingedruckten wie Zutatenangaben und Barcode konkurrieren, hilft er sich mit einem Trick: Er druckt die Entwürfe für den Jogurtdeckel, auf denen Name, Hersteller und die Must Haves bereits abgebildet sind, in hellblau aus und zeichnet auf diesem Blatt. So hat er gleich eine Vorstellung davon, wie seine Rentiere am besten auf die so genannte Verpackungsplatine passen.
Im Gegenzug macht er es auch der Verpackungsagentur leicht, indem er seine Illustration als Photoshop-Dokument schickt, das die verschiedenen Bild-Elemente in Ebenen übereinandergelegt. So kann etwa der Hintergrund verschoben werden, ohne dass Rudi aus der Ecke rutscht.
In dieser Weihnacht gibt es also nun wieder Rudi – auf den Deckelfolien der Jogurts "Ecke des Monats – Rudis Weihnacht" und "Ecke des Monats – Rudis Knusperhäuschen", letzteres eine neue Sorte. Auch die Verpackung für den Folienpack mit sechs Jogurts, ein animiertes Online-Spiel sowie die Kampagne anlässlich der Kooperation mit der Stiftung "Ein Herz für Kinder" stammen von Oskamp.
Illustrationen sind bei Müller beliebt, speziell um saisonale Produkte von den anderen Sorten zu differenzieren wie etwa bei den Ecke des Monats-Jogurts, die in die Range "Jogurt mit der Ecke" gehören. Illustrationen stehen für das "Neue" und auch etwas kindlichere respektive jüngere Produkt im Kühlregal.
Auch bei Grabarz und Partner haben Illustrationen Zukunft, wie Ralf Heuel erklärt: "Illustrationen sind wie Handschriften. Sie sind sehr individuell und hochemotional. Darum wird es auch in Zukunft Kampagnen mit Illustrationen geben - vielleicht sogar mehr als heute. Durch die Virtualisierung und weitere technische Möglichkeiten von Computern werden Illustrationen zukünftig nicht mehr nur genutzt, um etwas zu zeigen, was man im Realbild nicht zeigen kann. Sondern als genauer Gegentrend dazu. Illustrationen fühlen sich menschlich und handgemacht an und haben einen sehr speziellen Charme. Das ist in einer immer technischer werdenden Welt ein großer Trumpf. Zu sehen unter anderem auch an den großen Erfolgen der Pixar-Filme, wie zum Beispiel 'Big'. Das hätte man technisch sicher auch mit CGI oder Greenscreen produzieren können. So charmant wäre es aber nie geworden."
Die Zusammenarbeit von Oskamp und der Aretsrieder Molkerei jedenfalls, soviel darf gesagt werden, wird schon mal fortgesetzt – nicht nur für Rudi Rentier.
Zum Illustrator:
Nils Oskamp ist seit 1999 selbstständiger Illustrator, machte zuvor eine Grafikdesign- und Illustratoren-Ausbildung und arbeitete als Art Director. Außerdem hat er einen Abschluss an der Animation School Hamburg. Zu seinen Kunden gehören unter anderem Beiersdorf (BSNmedical), für das er seit 2003 medizinische Piktogramme erstellt, der Schweizer Supermarkt Migros, die Deutsche Bahn, McDonald’s, Hewlett Packard und Coca-Cola. Für 9Live hat er eine Anzeige illustriert, die in der zweiten Adventswoche in der ‚Bild’ geschaltet werden wird.
Magdalena Kluge
